Steve Blame ist der neue Entertainment-Kolumnist bei MSN. Der britische TV-Moderator war von 1987 bis 1994 Redakteur bei MTV Europe und Sprecher der MTV News. 2010 veröffentlichte er seine Erlebnisse im Bereich Sex, Drugs und Musik-Biz. In seiner MSN-Kolumne "Blame on ..." wird der Brite die aktuelle Fernsehlandschaft unter die Lupe nehmen und die User hinter die Kulissen von MTV & Co. blicken lassen. Wer könnte das besser als er!? (Foto: Olivier Favre)
Blame on … die London-Aufstände und die Gier nach Ruhm
Als Brite und als Mensch, der die Veränderungen der britischen Gesellschaft seit über 16 Jahren aus der Ferne beobachtet, überraschten mich die Geschehnisse nicht sonderlich. Ich wohnte in der Nähe von Broadwater Farm, einer Siedlung im Londoner Stadtteil Tottenham, als es genau dort in den frühen 80er Jahren zu heftigen Unruhen kam. In der Nacht, als ein Polizist erstochen wurde, waren meine Mitbewohner und ich zu Hause. Die Häuser in unserer Straße wurden angezündet und als die Unruhestifter näher kamen, entschieden wir uns dazu, das Haus zu verlassen und bei Freunden unterzukommen. Wir ließen unser Hab und Gut zurück, und erwarteten, bei unserer Rückkehr nichts mehr vorzufinden. Wir hatten Glück, andere hingegen nicht. Auch dieses Mal verloren einige Menschen ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlage, und manche leider auch ihr Leben.
Die Gründe für die Unruhen waren damals viel klarer - Diskriminierung, Armut, eine hohe Arbeitslosigkeit, und die Brutalität seitens der Polizei. Heute ist das alles anders. Die Verhafteten kommen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten: ein Lehrer, ein Model, die Tochter eines Millionärs, und Arbeitslose. Es gibt meiner Meinung nach aber noch weitere Gründe für diese Unruhen. Gründe, die nicht ignoriert werden dürfen und denen andere Länder, einschließlich Deutschland, Beachtung schenken sollten. Seit ich Großbritannien 1994 verließ, habe ich von Weitem mit angesehen, wie die britische Gesellschaft zunehmend von Materialismus, Habgier und dem Streben nach Berühmtheit dominiert wird. Viele sehnen sich nach Ruhm, der nur auf Äußerlichkeiten beruht und den man dank eines schlechten Rufs erlangt, der aber nichts mit Begabung zu tun hat oder gar Mühe kostet. Sie bewundern die Promis, die die Titelseiten zieren, obwohl sie nur das Talent besitzen, mit Berühmtheiten zu schlafen, einen Fußballer zu heiraten, sich bei Big Brother zur Schau zu stellen, oder bei X-Factor rauszufliegen. Dies hat einen Verlust an Zukunftsperspektiven bewirkt, der zusammen mit einem kompletten Mangel an Arbeitsethik zu der Annahme geführt hat, dass nur der schnellste und einfachste Weg zu Reichtum führe. Obendrein gibt es da noch die wegen Betrugs verurteilten Politiker, die wegen Bestechung angeklagten Polizisten, und die wegen Kindesmissbrauchs strauchelnde Kirche. Kurz gesagt wird der Materialismus, das „Nimm alles was Du willst", als das Schnellverfahren zum Glücklichsein angesehen. Das stimmt aber ganz und gar nicht. Studien haben gezeigt, dass man glücklicher ist, wenn man einen einfachen Lebensstandard hat, Einkaufen nicht als Therapie ansieht und nicht ständig nach mehr giert. Am nächsten Morgen wacht man nämlich auf und stellt fest, dass man noch genau der Mensch ist, der man schon immer gewesen ist. Die Unruhestifter hingegen, deren Therapie der Diebstahl ist, wachen jetzt auf und glauben, sobald sie ihre Bilder in den Zeitungen sehen, über Nacht berühmt geworden zu sein. Ihr arrogantes Verhalten in der Presse lässt darauf schließen, dass sie keine Reue empfinden. Ich bezweifle allerdings, dass ihre neuen Plasma-Fernseher sie auf Dauer glücklich machen werden.
Was meiner Meinung nach jetzt also geschehen muss, was für mich die Lektion ist, die sich auch andere westliche Länder, Deutschland eingeschlossen, zu Herzen nehmen sollten, ist nicht die Belehrung darüber, was richtig oder falsch ist, oder die Entwicklung eines Sinnes für Respekt für die Anderen und sich selbst, oder gar für die Gemeinschaft; vielmehr sollte es darum gehen, jeden davon zu überzeugen, dass sich das Lebensziel nicht um die Gier nach materiellem Gewinn dreht, sondern dass jeder für sich eine Leidenschaft, eine Berufung finden sollte, die zusammen mit harter Arbeit auf lange Sicht wirklich glücklich macht und Erfüllung bereitet. Falls den Unruhestiftern harte Arbeit nicht besonders reizvoll erscheint, sollten sie einfach an die Worte von Konfuzius denken: "Such dir eine Arbeit, die du gerne tust. Dann brauchst du keinen Tag in deinem Leben mehr zu schuften".
Letzte Woche: Blame On ... die Zukunft von Wetten, dass ..?

Steve Blame ist der neue Entertainment-Kolumnist bei MSN. Der britische TV-Moderator war von 1987 bis 1994 Redakteur bei MTV Europe und Sprecher der MTV News. 2010 veröffentlichte er seine Erlebnisse im Bereich Sex, Drugs und Musik-Biz. In seiner MSN-Kolumne "Blame on ..." wird der Brite die aktuelle Fernsehlandschaft unter die Lupe nehmen und die User hinter die Kulissen von MTV & Co. blicken lassen. Wer könnte das besser als er!? (Foto: Olivier Favre)
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