Steve Blame ist der neue Entertainment-Kolumnist bei MSN. Der britische TV-Moderator war von 1987 bis 1994 Redakteur bei MTV Europe und Sprecher der MTV News. 2010 veröffentlichte er seine Erlebnisse im Bereich Sex, Drugs und Musik-Biz. In seiner MSN-Kolumne "Blame on ..." wird der Brite die aktuelle Fernsehlandschaft unter die Lupe nehmen und die User hinter die Kulissen von MTV & Co. blicken lassen. Wer könnte das besser als er!? (Foto: Olivier Favre)
Blame on … X-Factor
Im Grunde genommen geht es nicht um die Sänger der Show, die mich wirklich beeindrucken. Es ist ja tatsächlich so, dass das musikalische Talent der Kandidaten in solchen Shows nur marginal eine Rolle spielt.
Als MTV ins Leben gerufen wurde, verlagerte sich der Schwerpunkt plötzlich von der Musik auf das Image. Heute geht es mehr um die Vorgeschichte der Kandidaten, um den Aufbau der Show. Meiner Meinung nach sind die Shows das beste Vorzeigebild modernen Fernsehens. Shows, die so erstklassig und herzzerreißend bearbeitet werden, dass man sie mit unglaublicher Freude ansieht. Das ist Fernseh-Manipulation vom Feinsten. Das ist das neue Hollywood.
Hollywood läuft auf Hochtouren, wenn sich die Kinobesucher in die Charaktere einfühlen und ihre Geschichte nachvollziehen können. Filme präsentieren universelle Themen, die uns alle betreffen. Ich rede nicht von der Handlung - was unser Held wohl als nächstes machen wird - sondern von den tiefgründigen Angelegenheiten des Lebens, die uns alle bewegen: wie bewältigt man eine Notlage, wie wichtig ist die Familie, oder die Tatsache, dass es belohnt wird, wenn man gewisse Opfer bringt oder hart arbeitet. Diese Schlüsselthemen werden in Hollywood stets hervorgehoben, und spielen in letzter Zeit auch bei Realityshows eine große Rolle. Dabei wurde X Factor zum Spielberg des Geschichtenerzählens im Fernsehen. Es braucht keine 90 Minuten, um unsere Beteiligung am Schicksal der Kandidaten zu sichern, und um uns einen Emotionsausbruch zu entlocken. Mal ganz ehrlich - es braucht nur 5 Minuten, genau 300 Sekunden, um uns, die Jury und das Publikum im Studio auf eine emotionale Achterbahn zu schicken. X Factor ist wirklich ein Meisterstück.
Aber der Emotionalitätsfaktor wurde beim Britischen und beim Australischen X Factor auf ein anderes Niveau gehoben. Diese neue Form der Emotionalität hat dem Programm eigentlich nur geschadet. Ich nenne es die weinende Jury.
Kelly Rowland, ehemaliges Mitglied von Destiny's Child, schmolz regelrecht dahin, als ein schottisches Mädchen im britischen Fernsehen sich für ihre Großmutter das Herz aus der Seele sang. Rowland versagte fast die Stimme, sie konnte nur noch weinen. Ihr folgend konnte der Manager von Boyzone, Louis Walsh, auch nur noch flennen.
Aber der Oscar für die beste Darstellung auf X Factor geht nach Australien. Ein junger Mann humpelte auf die Bühne, sein linker Arm war gelähmt, er hatte offensichtlich schwere Behinderungen, doch das Strahlen auf seinem Gesicht war atemberaubend. Er und sein Bruder wurden als Kinder Opfer des Irakkriegs. Sie wurden adoptiert und wuchsen in Australien auf, wo ihnen ein besseres Leben geboten wurde. Die Hälfte der Jurymitglieder hatte feuchte Augen noch bevor er zu singen begann. Und als er mit der ersten Strophe von Imagine von John Lennon loslegte, hatte das gesamte Publikum Tränen in den Augen. Ich vergoss Tränen in dem Moment, als Roland Keating, der auch in der Jury sitzt, anfing zu weinen. Glaubt mir, das gesamte Publikum war am weinen. Es kam fast einer Massenhysterie gleich, derart, wie ich sie zum letzten Mal bei Prinzessin Dianas Beerdigung gesehen hatte. Ich hoffe, die weinende Jury kommt nicht bis nach Deutschland. Der Anblick von Das Bo, der schniefend in sein Taschentuch prustet, könnte mich nämlich zurück auf die Couch meines Therapeuten katapultieren.
Letzte Woche: Blame on ... Games

Steve Blame ist der neue Entertainment-Kolumnist bei MSN. Der britische TV-Moderator war von 1987 bis 1994 Redakteur bei MTV Europe und Sprecher der MTV News. 2010 veröffentlichte er seine Erlebnisse im Bereich Sex, Drugs und Musik-Biz. In seiner MSN-Kolumne "Blame on ..." wird der Brite die aktuelle Fernsehlandschaft unter die Lupe nehmen und die User hinter die Kulissen von MTV & Co. blicken lassen. Wer könnte das besser als er!? (Foto: Olivier Favre)
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