Schabowskis Zettel

Günter Schabowskis Zettel. (Bild: NDR/Norbert Kuhröber)

Die Maueröffnung stand erst für den 10. November um 4.00 Uhr nachts auf dem Plan. Die Fernsehdokumentation «Schabowskis Zettel - Die Nacht, als die Mauer fiel» zeigt, wie der SED- Medienbeauftragte dann vor der internationalen Presse in seinen Papieren nach dem entscheidenden Papier wühlt und dann konfus die Öffnung der Grenzen um Stunden zu früh verkündet - ein Missverständnis, das die Welt veränderte.

Der 75-minütige Film, der am 2. November in der ARD (21.00 Uhr) ausgestrahlt wird, hat die Atmosphäre des historischen Tages vor 20 Jahren vom frühen Morgen bis in die Nacht emotional und sachlich zugleich eingefangen. Historische Aufnahmen und Originaltöne, Interviews mit Zeitzeugen und Akteuren von einst sind mit Spielfilmszenen kombiniert. Die Idee für den Film stammt von Hans- Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Die unfassbare Freude des Ost-Berliner Ehepaares, das in der Nacht erstmals über die Bornholmer Brücke in den Westen geht und ins «Haus der 100 Biere eingeladen» wird, kommt auch 20 Jahre später echt herüber. Und die nachdenklichen Töne des Stasi-Oberst, der nach einem Massenansturm dort den Grenzübergang ohne Anweisung von oben öffnete, zeigen das Wunder des Mauerfalls ohne Blutvergießen. Ins Bild gerückt wird auch die Sicht eines West-Berliner Medizinstudenten, der in der Nacht der Nächte nach Ost-Berlin spazierte.

Deutlich wird, wie hilflos die DDR-Führung agierte. «Wie wir es machen, machen wir es falsch», ist SED-Generalsekretär Krenz im Originalton zu dem neuen Reisegesetz vor seinen Genossen wenige Stunden vor der Schabowski-Pressekonferenz zu hören. Mit der neuen Regelung sollte die DDR gerettet werden. Doch es kam anders. Auch der verzweifelte Versuch der Staatsmacht, wenigstens am Brandenburger Tor die Grenzöffnung mit Wasserwerfern und Soldatenketten zu verhindern, wird mit Aufnahmen von einst dramatisch in Szene gesetzt.

Buch und Regie stammen von Marc Brasse und Florian Huber. Sie sagen zu ihrem Film, dass es 20 Jahre nach dem 9. November 1989 mehr Neues zu berichten gibt als ursprünglich geglaubt. So hätten sie auch ein bislang ungesendetes Fernsehinterview des US-Senders NBC mit Schabowski gefunden. Darin radebrecht der Politfunktionär auf Englisch nach der Pressekonferenz, dass die Mauer nun offen sei.

Der Originalzettel Schabowskis konnte nach Angaben der Filmemacher nicht mehr gefunden werden. Eine Abschrift sei aber in der Stasiunterlagen-Behörde gesichtet worden. Volker Herres, Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens, sagt, der 9. November 1989 sei für die Deutschen in Ost und West ein einschneidendes Datum gewesen. Was sich Politiker beider Seiten nicht vorstellen konnten, hätten die Menschen selbst in die Hand genommen.

Zum Schluss der Dokumentation kommt noch einmal jener Mann zu Wort, der damals als Oberst im DDR-Innenministerium die Reiseverordnung entwarf. Der heutige Rechtsanwalt Gerhard Lauter sagt, der Abend des 9. November sei «peinlich und unprofessionell» abgelaufen. Und der 80-jährige Schabowski rechnet vor der Kamera auch mit seiner eigenen Vergangenheit ab: Diktatorische Regime seien durch Reformen nicht zu verbessern oder zu veredeln, sagt der Polit- Pensionär heute.