Dieter Nuhr im ZDF: «Eine reine Lustfrage»

Der Künstler und Kabarettist Dieter Nuhr.

Studio-Gäste können in der neuen Sendung Fragen stellen, TV-Zuschauer ihren «Senf» per E-Mail, SMS oder Video dazugeben. Und Nuhr improvisiert prompt. «Die meiste Zeit ist für meinen festen Text eingeplant, ein Abriss zu den Themen der Woche. Aber der spontane Teil ist Risiko, hoffentlich melden sich nicht nur Knallschoten», sagt der 49-Jährige in Köln kurz vor Sendestart.

«Wenn ich jeden Abend denselben Text rede, wird es irgendwann langweilig», erklärt der Kabarettist. «Wir probieren jetzt mal was Neues aus. Das Ganze hat einen experimentellen Charakter. Im Moment ist das eine reine Lustfrage, ich hab da einfach Lust drauf.» Und: «Ich muss teamfähiger werden. Ich betrachte das als Teil des Erwachsenwerdens.» Ein bisschen Kampf gegen die Routine ist noch dabei: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich alle zwei Jahre ein neues Bühnenprogramm mache, ohne was anderes nebenher», meint Nuhr, einer der beliebtesten und erfolgreichsten Komiker, der seit 18 Jahren im Geschäft ist und viele Auszeichnungen wie den Deutschen Kleinkunstpreis und den Deutschen Comedypreis ergattert hat.

Dieter Herbert Nuhr ist ausgebildeter Lehrer. Vor der Bühne kamen Hörsäle und Klassenzimmer. Das bereut er nicht. «Im Gegenteil, das war ein großartiger Teil meiner Ausbildung. Man studiert auf Lehramt und am Ende ist man Komiker - der klassische Weg eines Lehrers.» Sein Privileg ist «freiwilliges Publikum», sagt er. «Es hat mir nicht geschadet, beim Studium das wissenschaftliche Arbeiten gelernt zu haben, es war auch gut, dass ich nicht schon mit 19 auf der Bühne gestanden habe.» Er konnte ausprobieren, sich in Ruhe entwickeln. «Heute will man schnell ins Fernsehen, reich, berühmt werden und möglichst viele Frauen umlegen. Für den Werdegang ist das nicht besonders von Vorteil.»

Seine neue 45-Minuten-Sendung ist zunächst auf vier Folgen bis zum 8. Dezember beschränkt. Das ZDF werde «Nuhr so» aber wahrscheinlich fortsetzen, meint auch der Produzent der Sendung, KD Langenstein. Bei ihm gehen alle Zuschauer- und Publikumsmeldungen ein, er sortiert vor und sitzt bei der Live-Show mit im Düsseldorfer Studio: «Wenn ich was Schönes oder Passendes sehe, gebe ich es Dieter während der Sendung auf seinen Touchscreen und er entscheidet, ob er das annimmt», erklärt Langenstein das Konzept.

«Es ist doch ganz nett, wenn man den Leuten Platz im Fernsehen überlässt. Es gibt viele vor dem Fernsehschirm, die meinen, dass sie es besser können, dann muss man ihnen auch die Möglichkeit geben», sagt Nuhr. «Humor wird als sehr ernsthafte Sache betrachtet, als ob es um einen Atomkrieg geht. Mit welcher Ernsthaftigkeit und Intensität da über Kabarett und Comedy diskutiert wird, das ist wirklich furchtbar.»

Da solle man lieber das Überangebot von Gewaltfilmen im TV unter die Lupe nehmen: «Wenn ein 18-Jähriger schon 20 000 Morde gesehen hat, finde ich das bedrohlicher, als wenn einer an der falschen Stelle lacht. Warum regt sich eigentlich keiner über kaputte Mordfantasien auf, die im Fernsehen gezeigt werden, oder über die vielen Rosamunde-Pilcher-Filme, die Vorbilder für unsere Kinder sein sollen», fragt der Vater einer Tochter.

Nuhr - auch als «Philosoph unter der Comedians» oder «George Clooney des deutschen Kabaretts» betitelt - will sich nicht kategorisieren lassen: «Mein Programm ist kabarettistisch, weil es sich mit den Fragen der Welt ernsthaft beschäftigt. Und es ist Comedy, weil's lustig ist.» Die Themen kommen aus Zeitung, Büchern und Internet, springen ihn auch manchmal einfach an. Spott auf Kosten Unbeteiligter oder Beleidigungen - oft Erfolgsrezept für Comedians - bringt Nuhr nicht auf die Bühne - und auch nicht ins ZDF, verspricht er glaubhaft. Was man ihm allerdings trotz seiner ernsten Miene nicht abnimmt: «Ich mach' grundsätzlich keine Witze.»